Who am I, as a woman?

Zwei Frauen im Urlaub, die Ski in der Dachbox und die Bikes hinten auf der Heckklappe. Wir sind vollgepackt bis unters Dach, die Musik ist aufgedreht, los geht’s! Über den Brenner im Schneesturm mit dem ersten Stop Arco, ein Kletterparadies am Gardasee, dass uns mit seinen Mountainbiketrails lockt. Wohin wir fahren, haben wir erst eine Stunde vor Abfahrt entschieden, zur Auswahl standen Slowenien, Osttirol, Schweiz oder vielleicht sogar Frankreich. Doch das Wetter und die maue Schneelage lockt uns nach Italien, wir wollen nach Finale Ligure zum Biken.

Zwei Mädels auf Tour gewappnet für Schnee und Trails, ist das etwas Besonderes?

Für uns nicht und auch unser Umfeld ist gespickt mit aktiven Bergsportlerinnen. Aber warum fallen wir dann so auf? Im Februar ist noch nicht viel los am Gardasee, wir sind umgeben von Pärchen, Familien oder motivierten Kletterern. Aber junge Frauen? Die sehen wir kaum.

 

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Nach zwei Tagen am Lago, mit dem Bike auf dem Naranch-Trail und zu Fuß auf dem Cima Capi Klettersteig, zieht es uns weiter. Unser Weg führt zuerst nach Bergamo um uns die wunderschöne Altstadt anzusehen, mit einem Spritz und Cappuccino in den verwinkelten Gassen auszuspannen. Doch die Menschen werden uns schnell zu viel und der Süden lockt uns. Weiter geht’s, auf die Autostrada Richtung Bike-Mekka.

Wir ratschen uns den Weg entlang zum Meer, es geht um unsere Lebensvorstellungen, Wünsche für die Zukunft, unsere Liebe zum Sport und zum Abenteuer. Um Beziehungen und Freundschaften. Wir haben beide eine ähnliche Vorstellung, was uns Zufriedenheit schenkt, leben unser Leben eigenständig und gehen unserer Passion nach. Unsere Freundschaft wird durch die gemeinsamen Leidenschaften, Freeriden und Biken oder insgesamt die Trips in den Bergen verbunden und durch das gemeinsame Erleben immer enger.
Wir können uns aufeinander verlassen, sind ein eingespieltes Team und kennen die Stärken und auch die Grenzen voneinander.

Angekommen in Finale Ligure begeben wir uns auf die Suche nach einem Platz zum Campen, das Bett haben wir eh im Auto. Wir entscheiden uns für den Campingplatz „Freeride Outdoor Village“, der in der Vorsaison noch fast ausgestorben ist. Man merkt hier überall, dass die Saison noch nicht begonnen hat, nur die Motivierten haben sich auf den Weg gemacht. Finale liegt am Meer und ist normalerweise bekannt für den Strandbesuch nach dem Radeln bei warmen Temperaturen. Ich springe im Laufe der nächsten Tage auch ins Meer, das will ich mir nicht entgehen lassen, aber lange Hosen und die dicke Daunenjacke abends sind noch essentiell.

Als wir uns auf dem Platz einrichten, werden wir vom Nachbarn begrüßt, der Vater einer vierköpfigen Familie. Sein Sohn fährt Downhill-Rennen und sie nutzen die Semesterferien um das Training schon früh im Jahr zu starten. Wir kommen ins Gespräch und erzählen von unserem Urlaubsplan, dass wir erstmal den Fokus aufs Biken setzen wollen und hoffen gegen Ende des Trips noch ein paar Skitouren gehen können. Ein anerkennender Blick und der Satz: „Stark Mädels! Multisport-Frauen wie euch gab es zu meiner Zeit auch nur selten. Ein Partner, der das mit euch teilt, ist sicher auch nicht leicht zu finden.“
Ein Satz, der sitzt und zusammenfasst, was wir viel bereden und uns oft denken.
Und der ein Thema anreißt, dass so unglaublich komplex ist.

Ja, wir sind starke Frauen, die selbstbewusst im Bergsport unterwegs sind. Wir können etwas, aber sind definitiv keine Athleten. Laut unserer Definition ist die Kondition ganz in Ordnung, Trails kommen wir runter, springen auch mal etwas, Lawinenlageberichte können wir lesen und uns im offenen Gelände orientieren, wir fühlen uns am Fels wohl, können die wichtigsten Knoten. Wir schlafen lieber im Auto und duschen mal 5 Tage nicht als das Geld in ein Hotel zu stecken, wenn wir uns davon stattdessen ein Bikepark-Ticket kaufen können. Im Großen und Ganzen kommen wir also ganz gut am Berg zurecht und führen einen Lebensstil, der uns ziemlich glücklich macht.

Fehlen tut uns nichts, aber eine Beziehung wäre schon schön. Ein Kerl, der auch Lust drauf hat mit uns im ausgebauten Bus durch die Gegend zu fahren und sich in den Bergen auszutoben.
Lernen wir dann einen Mann kennen, gibt es zwei typische Szenarien.
Erstens: Wir können mehr als der Kerl und zeigen ihm etwas am Berg.
Zweitens: Der Kerl ist extrem sportlich, ambitioniert oder vertieft sich nur in eine Sportart.

Das ist jetzt erstmal kein Problem und wir gehen gerne Kompromisse ein, aber schwierig kann es schon schnell werden.
Man fühlt sich zu viel oder zu wenig. Und beides macht nicht glücklich.

Ja, ich bin eine moderne Frau, aber ich wünsche mir einen Partner, der etwas kann. Können ist attraktiv.
Ich möchte nicht erklären, wie man einen Achter-Knoten legt, was Skitourengehen ist oder ihn das erste Mal zum Wildcampen mitnehmen.
Kommen wir zu den Extremsportlern. Zu langsam, zu schwach, zu wenig risikofreudig. Das bin ich nicht und doch gibt es immer wieder Begegnungen, die diese Emotionen und Selbstbilder in mir hervorbringen.
Ich möchte keine Beziehung bei der sich die Alltagsplanung, die Ansprüche und Wünsche 1:1 decken. Ich brauche keinen Partner, der jede Sportart von mir teilt oder ich seine teile. Ich liebe es mit Freunden alleine unterwegs zu sein und je mehr sich der Lebensstil deckt umso höher ist das Risiko nur noch aufeinander zu hängen. Ich möchte in der Beziehung aber nicht immer einen Schritt hinterher oder voraus gehen. Ich möchte Seite an Seite mit meinem Partner gehen. Und das bedeutet auch mal einen getrennten Pfad zu nehmen um sich dann wieder zusammen zu finden.

Im Urlaub finden wir die Balance ziemlich gut. Wenn der eine mal keine weiteren Höhenmeter machen möchte, dann wird noch ein Abschnitt getrennt gefahren. An einem Tag fahren wir eine lange Tour und treten selbst an den Traileinstieg, am Tag darauf buchen wir ein Shuttle und lassen die Sau raus.
Ich glaube daran, dass es diese Balance auch in einer Beziehung geben kann.

Finale Ligure besticht mit vielen tollen Trails, gutem Essen, auf ein Bier mit den Campingplatznachbarn, Affogato auf der Strandpromenade. Wir lassen es uns gut gehen, genießen die Umgebung und die nette Gesellschaft. Aber auch hier fällt auf: Wir sind die einzigen Frauen, die alleine hier sind.

Langsam ist die Zeit reif und wir begeben uns wieder auf die Autostrada. Es geht nach Südtirol.
Im Ahrntal mieten wir uns ein Apartment, uns ist hier im Auto zu kalt.
Beim Ausräumen vom Auto kommen die anderen Gäste, eine Familie aus Sachsen, vom Skigebiet heim und werfen ein Blick auf unser Auto. Dann ein Kommentar vom Familienvater: „Na Mädchen, da habt ihr aber falsch gepackt. Das hier ist ein Skigebiet, da braucht ihr keine Fahrräder.“
Ein Kommentar – mehr nicht. Doch er löst etwas bei mir aus. Wir sind erwachsene Frauen, keine Mädchen. Die Ski in der Dachbox sieht er nicht und wahrscheinlich könnte er mit dem Begriff ‚Skitour‘ nicht einmal etwas anfangen. Diese Situation ist nicht wild und er wollte bestimmt nur einen lustigen Satz beitragen. Aber Situationen wie diese erlebe ich oft. Ein Seitenhieb von einem Mann, der mich in meiner Kompetenz hinterfragt, lustig gemeint, aber durch die Häufigkeit wird er zum Angriff.

Ich schüttle den Kopf und lass den Kommentar hinter mir. Es fängt an zu Schneien, Grund zur Freude. Tags drauf gehen wir eine Skitour, es hat Neuschnee und wir genießen den Szenewechsel. Wir lassen den Tag in der Sonne auf dem Balkon ausklingen.

Glücklicher könnten wir nicht sein, das Leben ist richtig gut.

Ich bin in den letzten Zügen von meinem Buch, ich genieße es mal wieder in Ruhe zu lesen. Eine Freundin hat mir ‚Untenrum frei‘ von Margarete Stockowski empfohlen. Ein Buch über Sexualität und Feminismus. Irgendwie passend. Wir kommen immer wieder zurück zu diesen Themen und sicherlich ein Grund dafür sind die Denkanstöße, die mir das Buch gibt. Wir kommen immer wieder zurück zu dem Satz von unserem Campingplatznachbarn, reden über unsere Wünsche und Träume, was erwarten wir vom Leben, wen möchten wir als Wegbegleiter? Wir diskutieren viel über unsere Rolle als Frau in der Gesellschaft, im Sport, in der Partnerschaft, für mich spielt dieses Thema eine große Rolle. Ich habe mich so lange im Außen definieren lassen, hab mir Stempel aufdrücken lassen, bin in Rollen geschlüpft. Nach dem Ende meiner letzten Beziehung stand ich plötzlich gefühlt nackt da. Mit großen Fragezeichen und einer unendlichen Leere, aber auch der Chance diese Leere zu füllen – so wie ich möchte. In diesem Urlaub merke ich, dass ich wieder dort angekommen bin, wo ich mit beiden Beinen auf der Erde stehe und meine Wurzeln wachsen lassen konnte. So wie ich bin, erfüllt von der Diversität, die mich ausmacht. Ich bin stolz darauf, wer ich bin.

Bei mir ist das Fass übergelaufen, dass ich als Frau im Bergsport in Rollen schlüpfe. Eine Webseite eines großen Fahrradhersteller teilt seine Produkte so ein: Mountainbike, Rennrad und Frauen. Ich möchte mitten drin sein und nicht eine extra Sparte. Ich möchte nicht besonders fit sein – für eine Frau – oder halt nicht so schnell – weil ich eine Frau bin.

Ich habe gelernt, dass die Veränderung bei mir anfangen muss. Mein Selbstbild darf sich ändern und Ich einfach Ich sein – barfuss, die Haare zerzaust, mit einem breiten Grinsen.

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Kategorien Allgemein, tours & travel

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